Unser Tagebuch

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Mit wunderbaren Hunden ...

... bereichert durch's Leben.

Sieben Jahre mit Ben

Das tägliche GlückPosted by Barbara Dehn Jul 10, 2013 03:15AM
Da wäre er beinahe an mir vorbeigegangen, des Minchens siebter "Hundzeitstag".

Dabei weiß ich noch allzu gut, wie ich sie in Empfang nahm, die große, zähnefletschende und keifende Flugkiste. Die Tierschützerin hatte Olli dabei, den Bardino, den ich eigentlich, mangels richtigen "Herzenstreffers" zunächst gerne aufgenommen hätte. Er war nicht in Frage gekommen, weil er Katzen haßte, ich hatte ihm also nicht helfen können, obwohl er schon soooo lange auf seiner Pflegestelle saß.

Ob Ben Katzen mögen würde, wußte ich damals nicht. Aber ich war: Total verliebt. In einen schwarzen Hund, den sie Bardino-Labrador-Mix nannten und wenige Tage, bevor ich ihn entdeckt hatte, aus der Tötung geholt hatten. Bereits dort hatte er knurrend in der Box gesessen, doch angeblich hatte er in den Tagen auf der Finca, bei den Tierschützern, erstes Vertrauen gefaßt und Spielversuche gezeigt. Nun denn, damals ahnte ich noch nicht, daß Letzteres lediglich eine erste Begegnung mit der mangelnden Wahrheitsliebe oder Kompetenz mancher Orgas war, auf jeden Fall: nicht wahr.

Immer wieder hatte ich, nachdem sich herausgestellt hatte, daß Olli nicht "mein Hund" werden konnte, die Seiten der Tierhilfe Fuerteventura durchstöbert, als mir klar geworden war, wie mies es den Hunden auf der Insel ging. Von Auslandstierschutz und all dem, was da hinter den Kulissen ablaufen kann, hatte ich keinen Schimmer, über den Sinn oder Unsinn dachte ich nicht nach, mir taten sie einfach leid, und die Grausamkeiten, von denen ich gelesen hatte, waren einfach nur unfaßbar.

Daß ausgerechnet der, der -kaum hatte ich seine Photos gesehen- mein Herz im Sturm erobert hatte, sich als Opfer massiver Gewalt entpuppen sollte, das ahnte ich noch nicht. Und wenn: Ich hätte ihn doch genommen. Ja, das ist mir heute klar und wurde mir im Laufe der Zeit, als sich all die Probleme langsam zeigten, mit jedem Tag klarer: Selbst, wenn ich vorher gewußt hätte, was auf mich zukäme, DIESEN Hund hätte ich genommen.

Und so stand ich vor besagter knurrender, bellender Monster-Kiste und sagte zu dem Hund in ihr: Egal, was Du tust, Du bist es, und Du bleibst.

Ein langer, steiniger Weg folgte, doch seltsamerweise stritten er und ich zwar auch mal, aber nie gab es den Gedanken, diesen Hund irgendwo wissen zu wollen als an meiner Seite. Ben war mit dem ersten Blick in seine Augen auf den Bildern und noch mehr mit dem ersten Blick in seine Augen, als er endlich vor mir stand, mein Seelenhund, EIN Seelenhund, einer, bei dem man durch das blindgeprügelte Auge und das andere, das so tief schwarz glänzte, direkt auf die Seele schauen konnte. Und damals noch auf all das Elend, das er erlebt hat und das er auf und in seinem Körper wie ein Spiegelbild herumträgt.

Ich sprach damals eine dreiviertel Stunde auf die Bestie in der Box ein, fütterte Leckerchen, die der so verstörte Hund seltsamerweise nahm und öffnete dann die Box: Gefährlich sah er aus, als er auf mich zustürzte, sein Gebiß war damals nicht weniger beeindruckend, als es das heute ist. Und doch: Ich kniete vor ihm, und ich blieb knien. Warum? Ich weiß es nicht. Wie ich das konnte? Ich weiß es nicht. Ich hatte keine Angst. Obwohl ich welche hätte haben müssen. Und dann? Dann bremste er, der harte Kerl, kam langsam auf mich zu und legte seinen Kopf auf meine Stirn. Oh ja, das WAR der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Heute ist mein Minchen nicht nur der Chef einer Hundetruppe. Er ist einer, der mehr Traumata überwand, als die meisten Menschen und Hunde je haben werden. Damals, auf der Finca, mußten sie ihn wegsperren, weil er die anderen Hunde dort plattmachen wollte. Gesagt hatte mir das keiner. Aber hier zeigte er mir schnell, daß er seine Artgenossen mehr als nur verzichtbar fand. Es waren unsere wunderbare Bella, Dienst-Mali Kimba und des Mütterchens Bönnchen, die mit ihrem geballten weiblichen Charme die diesbezügliche Pfote in die Tür zu bekommen halfen. Und es war der Clicker, dieses geniale Instrument der Kommunikation, der mir den Pfad ebnete, meinen geliebten heute großen alten Herrn aus dem Gefängnis seiner Ängste und Aggressionen zu befreien.

Ja, das kann ich sagen: Ben durfte und darf hundliche Freiheit erleben. Seine Seele ist nicht mehr eingesperrt, er lernte, Menschen zumindest als ständige potentielle Leckerchengeber zu lieben, manche kamen ihm noch viel, viel näher. Als Bedrohung sieht er sie nicht mehr, selbst wenn ihn einer wirklich bedroht, weiß er, wohin er sich wenden kann, und er tut es. Das Minchen konnte seine Aggressionsskala zurückstufen, von beschädigend und ohne Vorwarnung zubeißen ging er zurück zu Meideverhalten und da, wo das nicht geht, zu einem sauberen Drohverhalten. Und wenn's wirklich eng wird, ja, dann führt der Weg halt hinter Frauchens breiten Rücken, denn, das hat Ben verinnerlicht, im Zweifel knurrt, fletscht und beißt die Alte eh besser als er. :-)

10 Jahre ist der alte Mann jetzt alt - geschätzt. Tierärzte befürchten, daß er leider schon um einiges älter sein könnte. So oder so: Unser gemeinsamer Lebensweg neigt sich dem Ende entgegen, das muß ich akzeptieren.

Es verändert sich damit viel. Ben, der früher allzeit bereit und immer gerne überall dabei ist, mag das heute nicht mehr unbedingt. Waren wir lang unterwegs wie in den letzten Tagen, mag er nach dem Spaziergang lieber in die Wohnung als ins Auto, kuscheln mit und schnurcheln an der Seite des kleinen Herrn Ilias wird heute gern genommen. Früher wäre es undenkbar gewesen, daß Ben einen anderen Hund so nah an seinen Körper und seine Seele herangelassen hätte. Selbst das hundliche Spiel, das Ben so unheimlich war, brachte ihm unser kleiner Grieche bei, bei ihm läßt das Minchen schon mal Würde des Alters Würde des Alters sein und mutiert zum albernen Welpen.

Insgesamt aber wird er deutlich ruhiger, der Senior der Truppe. Seine Spondylosen sind verwachsen, sie lassen ihn sichtbar weniger beweglich sein. Sein Geist ist nicht mehr so flexibel wie früher, manchmal scheint er zu vergessen, wo er gerade ist. Andere Menschen dürfen ihn nicht mehr wie früher anfassen, nach einer Weile zeigt er seine nach wie vor beeindruckenden Zähnchen. Früher hätte er da gebissen, heute sagt er einfach, daß er etwas gerade nicht mehr will oder kann.

Geblieben ist sein immenses Bedürfnis nach körperlicher Nähe. Nie schläft er woanders als im Bett, egal, ob im Hotel oder zu Hause. Der Länge nach preßt er sich an mich, im Winter schlüpft er mit unter die Bettdecke. Jede Sekunde dieser gegenseitigen Zuwendung genießen wir beide, auch, wenn irgendwann solange gebrummt wird, bis Frauchen kuscheln kommt, streichelt und liebevolle Dinge ins Ohr säuselt. Und wehe, dabei stört einer der anderen, hui, das gibt eine Ansage. Es gibt eben Heiligtümer, und da setzt das Minchen Prioritäten. :-)

Oft denke ich jetzt daran, wie es ohne ihn sein wird. Vorstellen kann ich es mir nicht. Ein bißchen Abschied nehme ich täglich. In der wahrscheinlich trügerischen Hoffnung, daß es mich, wenn es soweit ist, nicht ganz so unvorbereitet trifft. Gut und richtig ist es trotzdem, denn so nehme ich jeden Augenblick mit Ben, jede Nähe, jedes Miteinander, noch einmal bewußter war, es erscheint mir noch wertvoller, als es früher war. Früher hingegen war alles leichter, das ist jetzt nicht mehr so, es ist schwerer, aber auch inniger, anders eben.

Für mich ist Ben nun nicht mehr nur der erste eigene Hund. Er ist auch der erste alternde Hund, den ich wirklich täglich begleite. Doch egal, wie mein Minchen sich dabei entwickelt, solange die gegenseitige Liebe anhält, werden wir uns weiter Seite an Seite tapfer schlagen. Nur eins, das könnte ich nicht ertragen, wenn mein Minchen mich altersdemenzbedingt einmal nicht mehr erkennen würde. Daß es soweit kommt, hoffe ich nicht, das sind Gedanken, die ich viel weiter von mir schiebe als die daran, daß wir eben keine Ewigkeit mehr miteinander haben werden. Denn eins weiß ich, wenn der Ben einmal gehen muß, dann wird er nicht nur den Athos wieder treffen. Er wird mit freier und fröhlicher Seele gehen können, und er wird in dem Wissen und mit der langjährigen Erfahrung gehen, daß Menschen keine mißhandelnden Monster sein müssen und daß Artgenossen Familie und Freunde sein können.

Niemand wird uns je unsere gemeinsamen Jahre, vor allem aber dem Ben niemand seine unglaublichen Leistungen nehmen können, die er in den Jahren hier in Deutschland vollbracht hat. Was dieser Hund alles überwand - davor kann man nur den Hut ziehen.

Lieber, großer Ben, ich muß Dir nicht sagen, wie sehr ich Dich liebe. Ich darf es Dir jeden Tag zeigen, und darauf, daß Du mich als Deinen menschlichen Mentor und Freund akzeptiert hast, bin ich wirklich, wirklich stolz.

Bild 1: Ben bei seiner Lieblingsbeschäftigung - Leckerchen schnorren.

Bild 2: Ben auf dem Weg in Frauchens Arme.

Bild 3: Ben mit dem ersten Mitglied seiner hundlichen Familie, mit Seppl.

Bild 4: Ben wie er lebt und strahlt.

Bild 5: Ben fröhlich im Wald, wobei winterliche Kälte vom Ex-Spanier lieber genommen wird als sommerliche Hitze.

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