Unser Tagebuch

Unser Tagebuch

Mit wunderbaren Hunden ...

... bereichert durch's Leben.

1. Todestag

PechmarieGeschrieben von Barbara Dehn Okt 11, 2013 08:43
In dem Wissen, daß Athos am 10.10. seit genau einem Jahr tot war, ist mir das Herz etwas schwer. Es bewahrheitet sich zwar, daß die schönen Erinnerungen ihn weiterleben lassen, doch lassen sie mich ihn besonders an einem solchen Tag auch besonders vermissen. Er fehlt mir, mein Mali-Bub, da beißt die Maus keinen Faden ab. Noch immer denke ich oft an ihn, schaue Bilder und Videos an und frage mich, warum er so früh gehen mußte, hätte er doch, nach allem, was er in der Zeit vor der bei mir durchmachen mußte, noch soviel Glück verdient gehabt.

Denn was ich über ihn wußte, als er kam und was ich selbst im Laufe der Zeit herausfand, steht für eine über fünfjährige Odyssee, die sein "erstes Leben" darstellte, steht für sehr viele sehr schlechte Erfahrungen mit der Spezies Mensch, die sich vor allem zu Beginn auch in Athos' Verhalten mir gegenüber widerspiegelten.

Wollte man ihn anfassen, knurrte er fast ständig, nicht nur die ersten Wochen, sondern die ersten Monate und das, obwohl er die körperliche Nähe, das Schmusen und Streicheln gleichzeitig so sehr suchte und genoß. Was muß, dachte ich oft, einem Hund widerfahren, wenn ihn Zuwendung in solche Konflikte stürzen kann?

Denn bei allem war Athos eigentlich ein menschenfreundlicher Hund. Je länger er bei mir war, desto offener konnte er werden, und desto klarer konnte er zeigen, wie gerne er auf Menschen zuging, mit ihnen spielte, von ihnen Leckerchen und eben auch Krauleinheiten schnorrte.

Nur Kinder, die lernte er nicht mehr zu lieben. Er lernte, sie zu akzeptieren. Er lernte, sich an mich zu wenden, nein, an mich zu lehnen, wenn sie in der Nähe waren, nachdem er sie, am Tag, als ich ihn im bayrischen Oberthulba von seinem Pflegefrauchen Bettina und seiner ehemaligen Gassigängerin Christa übernahm, noch mehr als böse, wirklich verzweifelt, angeknurrt hatte.

Seine Ablehnung, sein Haß, seine Angst - sie hatten reale Gründe. War der Bub doch von seiner Familie, die ihn als Welpe schon bei sich aufgenommen hatte, alles andere als gut behandelt worden und hatten die Kinder der Familie ihn gegängelt und gehänselt und letztlich dafür gesorgt, daß er im Tierheim landete. Bis zu acht Stunden täglich sperrte man ihn in eine enge Flugbox, auf der die Kids rumtobten und in der sie ihn, den Ungeschützten, Ausgelieferten, ärgerten. Er, typisch Mali, fand irgendwann seine Chance und schnappte nach einem seiner Peiniger - was sein Schicksal besiegelte und ihn vom Regen in die Traufe brachte.

Athos kam ins Münchner Tierheim, wo er sich wie eine Bestie gebährdete. Es war reine Hilflosigkeit, die ihn trieb, doch erkannt wurde das von den Menschen dort nicht. Er wurde stigmatisiert, als Beißer abgestempelt, und nur Christa, sein guter Geist, sah seinen wahren Charakter, führte ihn aus, spielte mit ihm, gab ihm ein ganz kleines Stück Vertrauen zurück.

Letzten Endes war sie es auch, die ihn erlöste, die seine Not sah und in aus dem Tierheim nahm und in eine Pension brachte, in der sich Bettina dann so gut und so oft sie konnte, kümmerte. Athos gewann eine weitere menschliche und zwei hundliche Freundinnen, nur ein Zuhause wollte sich für ihn lange nicht finden.

Bis eine durchgeknallte, maliverrückte Westfälin sich meldete und erklärte, sie wolle den Buben kennenlernen und mal eben in ihre aus drei Rüden bestehende Hundegruppe integrieren. Klar, im Vermittlungstext hatte ja gestanden: Mit Hündinnen verträglich, mit Rüden nach Sympathie. Gut nur, daß mir keine der beiden Damen vor Übernahme verriet, daß letzteres nur gut geraten war, weil man Athos nie mit Rüden zusammengebracht hatte.

Umso erstaunlicher, daß der souveräne Prachtkerl am Ende nicht nur mit meinen drei bereits bei mir lebenden Kerlen, vor allem mit dem großen, alten Herrn Ben, verträglich war, sondern auch sonst nie auch nur mit einem einzigen Hund je irgendein Problem hatte. Menschen, ja, die waren oft gruselig und man tat gut, wenn man sich an Frauchens Rockzipfel hängte, aber Artgenossen - nein, die waren in Ordnung, ob groß, ob klein, ob Männlein oder Weiblein, und immer war Athos einer, an den die anderen sich gerne anschlossen und dessen einzigartige Souveränität sie sofort erkannten und respektierten.

Ich schätze mich überhaupt glücklich, diesen wunderbaren, unverwechselbaren Hund an meiner Seite gehabt zu haben, ihm noch ein paar seiner negativen Verknüpfungen und ein großes Trauma nehmen zu dürfen, bevor ich ihn gehen lassen mußte.

Denn neben dem, was ich aus seiner Vergangenheit bei Übernahme durch Christa und Bettina erfuhr, die es wiederum von TH-Mitarbeitern hatten, denen die Athos abgebenden Menschen ein paar Informationen gaben, erzählte auch er selbst mir eine ganze Menge über das, was er hatte durchmachen müssen.

Ich weiß noch, als ich schauen wollte, ob der Bub, der einen Beutetrieb sondergleichen sein eigen nannte, auch Freude am sportlichen Schutzdienst haben würde. Da stand der Peter mit dem Ärmel vor diesem so charakterstarken, souveränen Hund, der plötzlich schier in sich zusammenfiel und massivstes Meideverhalten zeigte. Selbst der erfahrene Diensthundeausbilder war damit schockiert und erklärte, dieser Hund müsse schlimmste Gewalterfahrungen haben, um so zu reagieren, er wollte ihn sogar nicht einmal im Schutzdienst ausbilden, um ihm böse Erinnerungen nicht zuzumuten. Ich jedoch wollte sie relativieren, Athos die Freude an etwas, das ihm doch so klar im Blut lag, wiedergeben.

Und so wurde aus diesem Mali ein Hund, der am Ende seines Lebens einer genialer, höchst freudig arbeitender und freier Schutzhund war, ausgebildet ohne JEDE Form aversiver Einwirkungen, was soweit ging, daß er einmal, im Rahmen eines Schutzdienst-Seminars, der einzige Hund dort war, der ohne Stachler (und natürlich auch ohne Tacker), der ohne Leine, einen absolut genialen Schutzdienst hinlegte und so bewies, daß "es" eben doch geht, wenn man nur sorgfältig und ruhig und mit Clicker und Belohnung arbeitet.

Überhaupt war mein Malibub ein Vorzeigehund. Er lief eine tolle Unterordnung, wir waren ein Team, ich kann bis heute nicht beschreiben, wie es sich anfühlte, wenn er sich an mich preßte und wir wie eine Einheit immer und überall Fußgehen konnten und bewundernde Blicke ernteten.

Er war einer, der einzig aggressiv reagierte, wenn man ihm wehtat oder sichtbar wehtun wollte. Ich sehe ihn noch vor mir, als unser Peter mal einen Leinenruck setzen wollte, ja, DEN Blick hättet Ihr sehen sollen, der Peter veranlaßte, zu sagen, daß er diesen Konflikt nicht gehen wolle, wenn, müsse ich es tun. Und ich, ich wollte nicht, schon gar nichts, was Athos nicht wollte. ;-)

Athos, er lernte nicht nur das Trauma Hundeplatz und Schutzdienst zu überwinden, er lernte vor allem, sich einzulassen. Auf diese positive Form der Arbeit, auf das Spiel mit dem Helfer, auf die Sucharbeit, die er konzentriert wie kein zweiter, den ich kenne, durchführte und beherrschte, auf mich, auf eine unglaubliche Innigkeit, die ihn nicht nur in mein Bett, sondern auch ganz eng in meine Arme führte, etwas, das ihm anfangs so überhaupt nicht geheuer war.

Athos er war einfach eine Persönlichkeit, einer, der selbst, als sein Ellenbogengelenk dann brach, als unendliche Operationen und Behandlungen nötig waren, immer noch liebend an meiner Seite war, der mich, kaum aus der Narkose aufgewacht, jedesmal fröhlich begrüßte, der mir täglich, stündlich, minütlich zeigte, daß er zu mir gehörte, zu mir und seiner Hundefamilie.

Ich glaube, das ist es auch, was mich bei aller Trauer am meisten tröstet, daß Athos all dieses Glück erleben, leben, nehmen und geben durfte, daß er bis zur letzten Sekunde warm, geborgen und geliebt war, daß er noch so vieles nachholen konnte, was man ihm vorenthalten oder gar ausgetrieben hatte.

Daß heute Lupa hier neben mir liegt, ist ebenfalls sein Verdienst. Denn als er in meinen Armen am 10. Oktober 2012 einschlief, konnte ich gar nicht anders, als ihm zu versprechen, daß ein anderer Mali in Not den Platz bekommen würde, den er jetzt frei machte, und ich hielt mein Versprechen, als ich in Lupas Augen die seinen wiederfand. Es mag "Aberglaube" sein, und doch bin ich fest überzeugt: Athos schickte Lupa zu mir, er zeigte sich in ihr. Genauso fest bin ich überzeugt, daß mein einzigartiger Malibub jetzt im Regenbogenland fröhlich und vor allem schmerzfrei umherspringt, und ich hoffe, daß unsere Hunde irgendwann ein gutes Wort für uns einlegen werden, damit wir sie dort, hinter dem Regenbogen, wiedertreffen können.

Athos, mein Sternenbub, ich denke an Dich, und ich werde Dich nie vergessen. Danke, daß Du bei mir warst, auch wenn es viel, viel zu kurz war.



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